Samstag, 6. Dezember 2014

Die etwas andere Weihnachtsgeschichte oder Koordis Rückkehr aus der Unterwelt

Einleitung:
Wie aus einer Idee eine Geschichte entstand

Eigentlich wollte mein Mann nur unseren Vorgarten anders gestalten. Der Garten sollte pflegeleicht und nachhaltig werden, etwas mit Steinen oder so. Dann besuchten wir in Basel den Cyclope, wo wir die Schrottwerke von Cicolupo Art Company bewunderten. Die Idee war geboren; mein Mann war von nun an alle Tage auf Schrottsuche. Es entstanden in zirka 60 Arbeitsstunden und aus 200 Kg Schrott Koordi und Claudette. Das Projekt war damit noch nicht zu Ende. Wie Ihr seht, ist daraus noch eine Weihnachtsgeschichte entstanden.




















 Vorwort

Auch diese Weihnachtsgeschichte wird die Welt nicht in einem grossen Ausmass verändern und auch das „Mahnmal“ von Koordi und Claudette wird es nicht.

Wir möchten aber die Gelegenheit in diesen besinnlichen Tagen nutzen, um Euch unsere Gedanken, die wir über das vergangene Jahr gesammelt haben, in Form dieser kleinen Geschichte zu erzählen.

Alle in dieser Geschichte. geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten aus dem realen Leben wären somit rein zufällig.

Herzlichen Dank an:
No Mercy Racing, Friedrich Auto Elektrik AG, Phoenix Basel AG, Blum Moto, Roda Mot, Te Me B GmbH, 
Herr M. Semadeni, Herr T. Older


Koordis Rückkehr aus der Unterwelt

Er hatte Glück! Er wurde zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort, mit den besten Voraussetzungen für ein erfülltes Leben geboren. Er, Konrad  Otto Remigius Dietrich, kam als viertes Kind einer Kleinbasler Industriellenfamilie auf die Welt. Wohlbehütet und stets umsorgt von seinen drei älteren Schwestern verbrachte Konrad eine sorgenfreie Kindheit.

Auch die Eltern taten ihr Möglichstes, um aus ihren Sprösslingen erfolgreiche Erdenbürger zu machen.  So ermöglichten sie ihren Töchtern die Ballettschule des Basler Stadttheaters zu besuchen und Konrad „durfte“ zu Frau Dupont, einer zirka 75-jährigen, französischen, ehemaligen Konzertpianistin zum Klavierunterricht. Viel lieber wäre er ja nach der Schule mit den Jungs von seiner Klasse zum Fussball spielen gegangen, aber wie Frau Dupont immer sagte, „La vie n’est pas un bateau de plaisire“ oder „das Leben ist kein Vergnügungsdampfer“. Schliesslich war ja
das nächste Lernziel an der kommenden Weihnacht das Weihnachts Oratorium BWV 248 von Johann Sebastian Bach fehlerfrei zu spielen und nicht möglichst viele Elfmeter ins Tor zu versenken.

Nach der obligatorischen Schulzeit bekam Konrad, Dank den guten Beziehungen seines Vaters zu einem Parteikollegen, eine Lehrstelle bei einer namhaften Schweizer Bank. Herr Nüssli, der Seniorbuchhalter, brachte ihm nebst Kaffee kochen und Papierkorb leeren im ersten Lehrjahr die ersten Tricks im Devisenhandel bei. Im zweiten und dritten Lehrjahr war er in der Abteilung für Aktien und Obligationen, dessen Leitung Herr Seppi Hackermann hatte. Konrad lernte das Jonglieren mit bis zu sechs Aktienpaketen zusammen. Hackermann stand stets daneben und kontrollierte die Fortschritte seines Lehrlings. Fiel Konrad ein Aktienpaket beim Jonglieren zu Boden, lachte Hackermann lauthals, klatschte sich mit den Händen auf die Oberschenkel und schrie:  „Grounding“. Und das ganze Spiel fing von vorne an. Diesmal allerdings mit noch mehr Aktien pro Pakete, was das Jonglieren immer schwerer machte.

Das vierte Lehrjahr stand ganz unter dem Motto „Investment Banking“ oder Anlageberatung. Die Ausbildung war hart und sehr lehrreich. Konrads Personalcoatch, Herr Oskar Dübel, führte ihn in die Geheimnisse dieser hocheffizienten Bankgeschäfte ein. Die Kernausbildung bestand darin, Geld zu verstecken, ohne dass es andere finden. Herr Dübel übergab Konrad also am Morgen einige Geldpakete, die er dann im ganzen Bankgebäude so verstecken oder in der Banksprache anlegen musste, dass sie Dübel möglichst nicht finden konnte. Konrad meisterte diese Aufgaben immer besser, bis auf ein Mal.

Das von ihm im Tamponeimer auf der Damentoilette versteckte Geldbündel wurde von der Reinigungsfachfrau, Maria della Vecchia, gefunden. Diese informierte Dübel über den Fund und übergab ihm das Geld. Konrad zahlte Dübel die Hälfte eines Monatslohns, damit war die Sache vom Tisch. „Sie sind sehr lernfähig und werden einmal ein grosser Investmentbanker“, grinste Dübel.

Die Lehrabschlussprüfung bestand Konrad nicht zuletzt wegen den Herren Nüssli, Hackermann und Dübel mit Bravur und der Note 5,9. Dies war auch der Grund, weshalb er anschliessend an seine Lehre von der Bank einen Arbeitsvertrag mit Boni-Beteiligung erhielt.

Als junger, dynamischer Anlageberater im eleganten Armani-Anzug und einer Rolex Oyster Perpetual Yacht-Master II am Handgelenk machte er auch bei den Damen mächtig Eindruck. So auch an jenem Freitagabend in der Chilli Bar, wo er Claudette Stächelin kennen lernte. Sie hatte kurze, schwarze Haare, eine schlanke, sportliche Figur und auf ihrer Nase sass eine dieser dicken, braunen, hässlichen, grossen, aber leider modernen Hornbrillen. Aber auch dieses fürchterliche Gestell konnte ihr hübsches Gesicht nicht entstellen. Sie war ihm sehr sympathisch. Im Weiteren stellte sich noch heraus, dass sie Jus und Politologie studiert hatte und in einer renommierten Anwaltskanzlei, die ihrem Vater gehörte, arbeitete. Zudem kandidierte sie noch für ihre Partei für einen Sitz in der Kantons Regierung.

Bald schon zogen Konrad und Claudette gemeinsam in eine 4 ½ Zimmer Eigentumswohnung, die der Firma Stächelin & Partner gehörte. Die Wohnung war zentral gelegen mit einem wunderschönen Ausblick von der Dachterrasse auf die Basler Altstadt und den Rhein.

Die nächsten paar Jahre arbeitete das Paar viel und war auch sehr erfolgreich. Konrad übernahm die Investmentabteilung, da Dübel frühzeitig mit einer „kleinen“ Abfindung im 6-stelligen Bereich in Pension ging. Trotz einer minimalen Rentenkürzung sollte Dübel jedoch keine finanziellen Probleme bekommen, da er ja noch in etwa acht bis zehn Verwaltungsräten war.

Claudette musste sich entscheiden, ob sie in Zukunft die Anwaltskanzlei ihres Vaters übernehmen oder ob sie voll auf die Politik setzen sollte. Der Entscheid wurde ihr bei den Regierungsratswahlen, bei der sie kandidierte, jedoch abgenommen. Sie wurde im ersten Wahlgang gewählt. Die Gegenkandidaten, der junge Christian Bohner von den Schweizer Freiheitskämpfern und Ursula Inäbnit von der Frauenpartei Unteres Kleinbasel hatten nicht den Hauch einer Chance gegen Claudette.

Bei der neuen Departements Verteilung war es daher sehr logisch, dass Frau Dr. Claudette Stächelin das Finanzdepartement übernehmen sollte. Zudem war sie ja auch noch Mitglied der Bankenaufsichtsbehörde und im Vorsitz  der Schweizerischen Steuerbehörde. Paul Stächelin war nicht gerade sehr erfreut, über den Entscheid seiner Tochter. Er konnte es aber gut nachvollziehen und stand deshalb voll dahinter.

Trotz vollem Terminkalender schafften es Konrad und Claudette immer wieder, ihre Freizeit gemeinsam zu verbringen. So flog man öfters mal zum Shoppen übers verlängerte Wochenende nach New York, nach Moskau oder wenn man nicht so viel Zeit hatte, halt nur nach London, Paris oder Mailand. Gleichzeitig pflegte Konrad in diesen Städten seine Kundenkontakte.

Die nicht ganz planmässige Schwangerschaft von Claudette rückte nun die Familienplanung in den Vordergrund. In einer besseren Vorortsgemeinde kauften sie sich ein neueres Landhaus mit 1750 m2 Umschwung. Das Grundstück grenzte an die Landwirtschaftszone. Der Pool von 5 x 15 Meter war zwar in  Konrads Vorstellungen etwas zu klein ausgefallen, aber das war ja noch Ausbau fähig.  Das Haus kam nur auf den Immobilienmarkt, weil der Vorbesitzer, der Eigentümer eines Baustoffhandels, in Insolvenz ging. Leider hatte der gute Mann die Immobilie als Firmenvermögen erfasst.

Der Familienplanung entgegen stand auch Konrads AUDI R8 GT Spyder, den er sich von der letzten Boni geleistet hatte. Ein Kinderwagen passte da eben schlecht hinein und mit offenem Dach würde sich der oder die Kleine dann wohl zu leicht einen Schnupfen holen. Aber schliesslich gab es von dieser Marke auch noch einen geräumigen Kombi mit fast derselben Motorisierung. Damit war auch in diesem Bereich der Prestige Verlust nicht all zu hoch.

Als die Neuigkeit des bevorstehenden Familienzuwachses die Eltern Stächelin und Dietrich erreichten, setzten sie sich unverzüglich miteinander in Verbindung, um die Hochzeit ihrer Kinder zu planen. Mit etwas Termindruck könnte das Baby dann noch als Frühgeburt „deklariert“ werden. So könnte man dem Gerede doch etwas vorbeugen. Einer Blitzplanung war es zu verdanken, dass Konrad und Claudette einen Monat danach in der Margarethenkirche heirateten. Das anschliessende Fest feierte man dann im Weiherschloss Bottmingen.

Es war ein gelungener Anlass. Die Braut in einem wunderschönen, weissen Seidenkleid mit einer Schleppe mit St. Galler Stickereien. Der Bräutigam im britischen Cutaway mit Melone. Bloss die Aussage von Herrn Dietrich  an der Festrede: „ Man sei jetzt wieder im Fahrplan“, wussten nicht alle Hochzeitsgäste zu deuten.

Das nächste Weihnachtsfest feierten die  Dietrichs und die Stächelins gemeinsam. Konrad durfte wieder einmal das Oratorium BWV 248 auf dem Klavier spielen, das immer noch im Wohnzimmer der Dietrichs stand. Wenn das die selige Frau  Dupont gehört hätte, sie hätte sich im Grabe umgedreht. Zu Konrads Verteidigung sagte Frau Dietrich, dass das Klavier schon seit einigen Jahren nicht mehr gestimmt worden sei und die Töne der Tasten deshalb vielleicht nicht mehr am selben Ort waren wie früher.

Der erste Ultraschall beim Frauenarzt brachte eine deftige Überraschung an den Tag. „Wollen Sie wissen, was es wird Frau Stächelin-Dietrich?“ fragte der Frauenarzt. Natürlich wollte Claudette wissen, ob es ein Bub oder ein Mädchen wird, könnte man sich dann doch schon für den Kleiderkauf und die Farbwahl der Möblierung des Kinderzimmers vorbereiten. Der Gynäkologe grinste verschmitzt. „Dr Batze und’s Weggli! Auf Deutsch, ich sehe ein Büblein, das ein Schnidelein hat und ein Mädchen eben ohne dieses Teil“. Auch das noch, dachte sich Claudette, wäre eines nicht schon genug gewesen, in dieser Zeit, wo sie und Konrad auf den Zenit ihrer Karrieren zu steuerten?

Konrad nahm die Neuigkeit beim Abendessen mit versteinerter Miene entgegen. Das Stück Rindsfilet, das er sich vorher in den Mund geschoben hatte, blieb ihm fast im Hals stecken. „Suuper, das haben wir ja gut gemacht und nur weil du die doofe Pille wegen deinen Pickeln im Gesicht absetzen wolltest“. Der Abend konnte trotz Kerzenlicht und gedämpfter Kammermusik von Chopin nicht mehr gerettet werden. Die Karriereplanung kollidierte nun vollends mit der Familienplanung von den Stächelin-Dietrichs oder halt Dietrich-Stächelins.

Claudettes Bauch wuchs nun sichtlich jeden Tag um ein paar Zentimeter, was wenigstens die beiden werdenden Grossmütter freute. Hatte man doch schon so lange auf Enkelkinder gehofft. Claudette wollte so lang als möglich ihrer Arbeit im Departement nachgehen und nach der Geburt so schnell wie möglich wieder ins Amt zurückkehren. Zu viel würde sonst an ihr vorbei laufen, das hatte sie mit der Familie bereits besprochen. Auch hatte man sich bereits nach einer Kindertagesstätte umgesehen, die Zwillinge betreuen würde.

Es war etwa in der 29. Schwangerschaftswoche, Konrad war gerade für 3 Tage an einem Meeting in Brüssel,  als Claudette kurz vor Mitternacht von starken Bauchschmerzen geplagt wurde, welche immer stärker wurden. Nicht jetzt, stammelte sie immer wieder, bloss nicht jetzt. Auf dem Gang zur Toilette merkte sie plötzlich, dass es ihr nass an den Innenseiten ihrer Oberschenkel herunterlief. – Jetzt war alles klar, es war jetzt!!!

Claudette fuhr mit dem Taxi in die Universitätsklinik, wo sie nach einem kurzen Eintrittsgespräch mit einem Spitalbett in den Gebärsaal geschoben wurde. Die Schmerzen waren fast unerträglich, deshalb wurde Claudette schnell mal ein Venenzugang gelegt, in den man ihr Schmerzmittel und andere Medikamente verabreichte. Die Schmerzen liessen nach und Claudette sah alles verschwommen wie durch eine Weichzeichner Linse. Plötzlich standen da drei Ärzte in weissen Kitteln und mit Mundschutz an ihrem Bett. „Es gibt Komplikationen Frau Stächelin. Wir müssen die Geburt mittels Kaiserschnitt vornehmen“. Claudette nickte und schlief dann ein. Die Narkoseschwester hatte ihr eine volle Ladung Trapanal verabreicht.

Am nächsten Morgen kam Claudette im Aufwachraum wieder langsam zu sich. Konrad, der mit der ersten Maschine von Brüssel zurückgeflogen war, stand an ihrem Bett und hielt ihre Hand. Er schaute sie mit ernster Miene  an und sagte leise: „Es sind drei, drei, Gottfriedstutz!“  Die drei Frühchen erholten sich gut und konnten nach vier Wochen das Spital verlassen.  Ein kleines Missgeschick war am Abend der Geburt passiert. Als die Hebamme den Namen der Kinder wissen wollte, antwortete Claudette, die schon im Trapanalnebel hing nur mit: „Boni, Malus, Saldo, Cash, Budget usw.“ Das Mädchen hiess nun Boni und die beiden Buben Malus und Saldo. Eigentlich ganz nett und alle konnten sich die Namen merken, obschon sie nicht auf der Jahresbestenliste der beliebtesten Vornamen erschienen.

Im Landhaus nahm man nun noch einige organisatorische Raumplanungsänderungen vor. So legte man die Bürozimmer von Claudette und Konrad zu Gunsten eines zusätzlichen Kinderzimmers zusammen. Das entsprach zwar nicht ganz den Vorstellungen der beiden, weil es doch einschneidend in die Persönlichkeits Sphäre eines jeden war. Weil Konrad auch immer öfters Privatkunden bei sich zuhause empfing, legte er sehr viel Wert auf ein Büro, in dem er auch seinen Kunstgeschmack zeigen konnte. Er hatte sich ja nicht umsonst einige Bilder von Roy Lichtenstein und Amedeo Modigliani an der letzten Art gekauft. Gerade mit den ausdrucksvollen Bildern „Nudo disteso“ und „Cariatide“ von Modigliani konnte Claudette nicht viel anfangen. Die Bilder wurden also zeitweise von der Hausherrin mit Werken   von Hans de Beer ersetzt.

Claudette nutzte den Mutterschaftsurlaub mit Rückbildungsgymnastik und joggen. Frau wollte ja möglichst schnell wieder in die Designerkleidchen passen. Auch schaute sie drei bis vier Mal die Woche bei ihrem Amt vorbei, sie wollte ja schliesslich am Ball bleiben. Nach zwei Wochen gab sie auch das mühsame Stillen auf. Es gab ja für jedes Alter und Gewicht der Kleinen die richtige Nahrungszusammensetzung für Babys. Da die Grossmütter mehrheitlich auf die Drillinge schauten, war das die perfekte Lösung.

In den folgenden Jahren waren alle stark gefordert. Claudette mit der Dreifachbelastung von einer 100 % erwerbstätigen Mutter und Hausfrau und Konrad mit den vielen Auslandreisen, die Kleinkinderzieherinnen und Erzieher, der Kindertagesstätte Hoseschisser mit den Drillingen. Die fürsorglichen Eltern von Boni, Malus und Saldo hatten explizit dieses Tagi ausgesucht, weil es das einzige war, das die Kinder dreisprachig aufwachsen liess. Nebst Deutsch und Englisch lernten die Drillinge auch noch Chinesisch, was gewissermassen zur Welthandelssprache Nummer 2 werden sollte.

Bald schon war der Zeitpunkt der Einschulung für die Kinder gekommen. Da es aber keine Schule im Kanton gab, die dem Anforderungsprofil der hochbegabten Kinder entsprach, beschloss man, dass sie wohl besser in einem Internat aufgehoben wären. Boni durfte in ein christliches Internat im Berner Oberland, weil sich dies am besten eignete. Die beiden Knaben gingen ins Institut Montana auf den Zugerberg. Das Institut bot eine zweisprachige Primarschule in schönster Lage an. Das Ganze war nicht gerade billig, es war aber für alle die beste Lösung, darin waren sich Konrad und Claudette einig.

Konrad hatte nun vermehrt Kunden aus diktatorisch regierten Ländern, die ihr Vermögen sicher anlegen wollten. Auch nahmen Leute aus Venezuela, Paraguay, Mexiko, Haiti, Costa Rica, USA, Nigeria, Russland usw. seine Dienste als seriösen Anlageberater in Anspruch. Die Geschäfte verliefen hervorragend und brachten auch der Bank einen Kapitalgewinn, wie sie ihn seit Jahren nicht mehr hatte.

Die Bankenaufsichts Behörde hatte auch dieses Jahr keine Unregelmässigkeiten bei der Bank feststellen können. Dies bestätigte Claudette, als sie ihren Bericht an der Delegiertenversammlung vorlas.

Die Jahre vergingen und das Leben der Familie Dietrich-Stächelin las sich wie ein Kitschroman. Die Kinder hatten inzwischen alle nach ihrer Internatsmatur ein Studium abgeschlossen und standen auch finanziell auf eigenen Füssen. Boni arbeitete in Neuseeland als Meeresbiologin, Saldo hatte eine Kunstgalerie in Miami und Malus leitete die erste Aldi-Filiale, die nach Kuwait expandiert hatte.

Bei einem gemütlichen Abendessen mit Kerzenlicht und dezenter klassischer Musik meinte Konrad zu Claudette, es wäre Zeit, etwas kürzer zu treten. Jetzt wo man wieder Zeit für sich hatte. Den Lebensabschnitt „Kinder“ hätten sie ja mit hohem sozialem und finanziellem Aufwand bestens gemeistert. So beschlossen sie an diesem Abend, dass sie beide bei ihrem Arbeitgeber ein Gesuch für Teilzeitarbeit einreichen würden.

Zu ihrem Erstaunen wurden beide bewilligt. Beim Kanton Basel-Stadt ist Teilzeitarbeit sowieso immer möglich. Konrads Bank stimmte zu, weil sie an ihrer letzten Strategieplanung unter anderem auch eine Kaderverjüngung als Hauptziel setzte.

Den nächsten Lebensabschnitt stellten die beiden voll unter das Motto „Born to be free“. Sie wollten alles Wilde nachholen, was sie bis jetzt verpasst hatten. Der Dreieckraster passte: (Freiheit, Finanzen, Power). Am darauffolgenden Freitag fuhr Konrad ins Kleinbasel. In einem Tattoo-Studio in der Kleinhüningerstrasse liess er sich einen Totenkopf mit Schlange auf den rechten Oberarm tätowieren, darunter den Schriftzug ihres neuen Lebensmottos: „Born to be free“. Zwei klobige Silberringe, einer mit einem Drachen, der andere mit einem Adlerkopf und ein Armband aus Alligatorenleder hatte er sich im Studio auch noch gekauft. Nun konnte der neue Lebensabschnitt beginnen.

In den folgenden Wochen organisierte er dank guten Beziehungen einen neuen Fahrausweis, weil der alte scheinbar abhandengekommen war. Der Neue hatte aber seltsamerweise einen Stempel mehr – nämlich in der Kategorie A.

Am Wochenende war Tag der offenen Tür bei Fritz Erlacher Moto Tuning. Erlacher präsentierte seine neusten Motorradmodelle, dazu gab es auch noch Austern und Champagner. Die Preise bei Erlachers handgefertigten Custom Bikes fingen bei zirka 70‘000 Franken an, deshalb hatte er auch eine spezielle Kundschaft wie Gewerbetreibende, Ärzte, Juristen, Banker und auch Leute, bei denen man nicht so recht wusste, wie sie ihr Geld verdienten.

Mit einem Glas Champagner in der Hand schlenderten Konrad und Claudette durch die Ausstellungshalle. Sämtliche Modelle waren Unikate und trugen Namen wie Black Tiger, Ghost Rider, Pitt-Bull, Nock-Out-Fighter, Power-Dream usw.  Ein Modell stach Konrad speziell in die Augen: Ride to Hell. Mit einem 1800 ccm S&S Shovel mit Kompressor, NOS Lachgaseinspritzung. Full Automatic Air ride System und einer Bereifung  von 130/60/18 vorne und 300/35/18 hinten. Die Airbrush-Arbeiten auf Ride to Hell zeigten  Szenen aus der Unterwelt und waren in dunkelrot und schwarz gehalten. „Was für ein Motorrad“, sagte Konrad. Claudette gefiel eher Blue-Sea Dream, das Modell mit Palmen, Strand und springenden Delfinen im Hintergrund. Eher ein Frauenbike,  meinte Konrad. Blue Sea Dream würde auch weniger zu seinem Tattoo und seinem Stil passen. Der Kaufvertrag für Ride to Hell wurde noch am selben Abend unterzeichnet.

Claudette durfte sich dafür im Shop von Erlacher eine Lederkluft aussuchen. Sie wählte eine Ziegenlederhose mit Fransen, dazu passend die Jacke mit eingestickten Engelsflügeln und einem Skorpion Stachel auf dem Rücken. Der Schriftzug „Bad Angel“ in gotischen Buchstaben stand darunter. Die Stiefelchen mit hohen Absätzen und Sporen rundeten das Outfit ab.

Nun war Konrad an der Reihe. Er entschied sich für eine Jacke aus Büffelleder mit breiten Schulterpolstern, auf dem Rücken war ein Büffelschädel eingestickt, einen coolen Gurt mit Zündkerzen, den der modebewusste Biker nicht um die Hüfte sondern über die Schulter trug, Crossstiefel, die vorne und hinten mit Eisenplatten beschlagen waren und einen Helm mit aufgeschweisstem Ritzel-Kamm und Antriebsketten!

Alles in allem zeigte die Kasse unter Total einen 6stelligen Betrag an. Konrad steckte seine Kreditkarte in den Schlitz mit der Bemerkung, das war wohl das Trinkgeld der letzten Transaktionen von … Um unnötigen Gerüchten vorzubeugen, sprach er nicht weiter. Die 10 Prozent Ausstellungsrabatt, die ihm Fritz Erlacher gab, spendete er grosszügig für ein Kinderhilfswerk für Kriegsgeschädigte Minenopfer.

Das habe aber keinen Zusammenhang mit seiner vorherigen Bemerkung, betonte Konrad. Claudette stieg die Schamröte ins Gesicht, worauf sie verlegen auf die Seite schaute. Das musste nun wirklich nicht sein, dachte sie. Konrad hätte ja den Spendenbetrag auch der Schweizerischen Berghilfe oder Greenpeace zukommen lassen können. Schliesslich ging es ihm sowieso nicht um etwas Wohltätiges zu tun, sondern nur um den Steuerabzug Ende Jahr.

Konrad machte mit Erlachers Mechaniker ab, dass Ride to Hell am nächsten Samstag geliefert würde. Im Preis enthalten war auch noch eine Fahrinstruktion, denn das richtige Bedienen der NOS-Anlage war nicht ganz ohne. Immerhin erreichte man mit dem Einspritzen des Lachgases eine Leistungssteigerung von fast 100 %.

Während Konrad an der Fahrinstruktion war, hatte Claudette einen Termin bei der Kosmetikerin. Die Falten um die Augen und den Mund liessen sich aber auch mit einer Biogurken-Honigjoghurt-Maske nicht ganz entfernen. Immerhin verstand es die Kosmetikerin mit einem Permanent Make-up, die müde wirkenden Augen etwas aufzupeppen.

Am Abend luden Dietrich-Stächelins zu einer Sommernachtsparty. Man hatte den Garten dekorieren lassen und eine Cateringfirma sorgte für das leibliche Wohl der vielen Gäste. Ein grosses Buffet, ein Grill und ein Smoker liessen keine kulinarischen Wünsche offen. Eine aus Politik und Wirtschaft bunt gemischte Gästeschar wartete kurz vor Mitternacht auf das streng geheim gehaltene Highlight dieses Abends.

Konrad bat seine Gäste, sich vor den verschlossenen Garagenboxen aufzustellen. „Nun darf ich euch unser neues Familienmitglied vorstellen“. Er öffnete die Tür zur linken Garage und sagte: “Voilà! Ride to Hell“. Das Motorrad stand auf einem kleinen Podest und war von etwa zwanzig Scheinwerfern beleuchtet. „Ab jetzt geniessen Claudette und ich die absolute Freiheit“, dabei krempelte er sich sein T Shirt hoch und zeigte seinen rechten, tätowierten Oberarm. Ein Raunen ging durch die Menge. Jedoch wusste keiner so genau, ob es vor Bewunderung oder Mitleid war. Nun wussten also alle, was mit den beiden in Zukunft abgehen würde.

Die ersten paar Ausfahrten mit der „Höllenmaschine“ waren eher friedlich. Konrad beschränkte sich aufs Cruisen und getraute sich nicht so richtig, seine NOS Anlage zu aktivieren. Wer wild und frei ist, sollte eigentlich auch unter freiem Sternenhimmel schlafen, meinte er eines Nachts zu Claudette. „Das können wir dann ja einmal machen“, meinte Claudette. Diese Antwort war ein eindeutiges Zeichen für Konrad. Er fuhr schon am nächsten Tag zu Adventure World und kaufte zwei Outdoor Schlafsäcke. Weil Ride to Hell keinen Gepäckträger hatte, fixierte man die Schlafsäcke mit einem Gummizug an der Vorderradgabel. Das sieht wahnsinnig cool aus, Peter Fonda und Dennis Hopper hatten das 1969 in „Easy Rider“ schon gemacht, dachte Konrad. Insider wissen natürlich, dass man zu Easy Riders Zeiten den Schlafsack an der Rückenlehne befestigt hatte, aber Ride to Hell hatte ja keine Rückenlehne.

Das erste Wochenende unter dem neuen Lebensmotto stand vor der Tür. Dank ihres 80 % Arbeitspensum konnten die beiden schon am Freitagnachmittag losfahren. Zuerst drehten sie drei Runden um den Barfüsserplatz, dann hinüber ins Kleinbasel, Rheingasse,  Lindenberg, Riehentorstrasse, Hammerstrasse, Klingentalstrasse, Untere Rheingasse und dann über die Mittlere Rheinbrücke zurück ins Grossbasel.  Nun hatten sie hoffentlich alle gesehen, die an diesem Freitag in der Stadt waren. Konrad fuhr dann zum Italiener. Giovanni Grisini hatte eine Pizzeria in einer Vorortsgemeinde direkt an der Hauptstrasse. Der grosse Parkplatz vor der Gartenwirtschaft lockte besonders die motorisierte Kundschaft an. Konnte man doch beim Schlemmern sein Gefährt immer im Augenwinkel haben. „Ride to Hell“ stiess auf grosses Interesse, so gross, dass Konrad und Claudette beschlossen, nach der Pizza noch ein Tiramisu und einen Coretto zu nehmen. Vor dem Einnachten machten sie sich dann auf den Weg nach Hause. „Wir können ja Morgen draussen schlafen, denn es könnte heute Nacht ein Gewitter geben“, meinte Konrad.

Nach dem Frühstück am späten Samstagmorgen fuhren sie noch einmal ihre Aufwärmrunde, 3 Mal Barfi, Klingeli usw., dann ging es Richtung Schwarzwald: Wiesental, Alptal, Bärental, lauter schöne Motorradstrecken. Dann war da dieses Schild: Höllental. Konrad drehte wie besessen am Gasgriff, während Claudette von hinten schrie: „ Fahr nicht so schnell“! Konrad bemerkte nicht, dass sich durch die Vibrationen der Gummizug von den Schlafsäcken gelöst hatte und sich am Drehrad der NOS Anlage verfing. Das andere Ende des Gummis verfing sich an einer Speiche des Vorderrades. Dann begann der Ride to Hell. Mit 200 Km/h in die nächste Kurve, über die Strasse hinweg, an zwei Tannen vorbei geradewegs in die Schlucht. Sie waren im Höllental. Im Talboden öffnete sich eine Felsformation. Konrad, Claudette und Ride to Hell verliessen das irdische Dasein. Sie waren in der Unterwelt angekommen. Leise zischte das letzte Lachgas aus Ride to Hell und der Motor starb langsam ab. Übrig blieb ein Haufen Schrott, der auf dem kargen, felsigen Boden lag. War’s das? Konrad schaute sich um. Es war eine unendliche Grotte, die überall in die Dunkelheit führte.

Konrad sah den Diktator, mit welchem er so manches Geschäft getätigt hatte. Der Diktator war in einem Käfig mit eisernen Gitterstäben, der an einer Kette an der Decke hing, eingesperrt. Darunter brodelte ein Salzsäurebad, dessen gelbe Dämpfe langsam nach oben stiegen. Der Diktator klammerte sich an den Gitterstäben fest und röchelte vor sich hin: „Ich habe doch gar nichts getan“.

Da war auch der pädophile Kinderschänder. Ihm wuchsen am ganzen Körper und auch im Gesicht kleine Penisse und Vaginas. Die Geschlechtsteile waren alle entzündet und eiterten sehr stark. Mit schmerzverzehrtem Gesicht meinte er: „Ich hab doch gar nichts getan“.

In einer Ecke  sass auf einem Pilotensitz ein junger, bärtiger Mann mit einem Fünfpunktsicherheitsgurt festgebunden und die Hände zum Gebet zusammen genäht. Auf seiner Stirn hatte ihm jemand das Datum 11. September 2001 eingebrannt und auf der rechten Wange stand WTC. Sein Pilotensitz war mit elektrischen Leitungen verbunden, durch die alle 10 Minuten ein Stromstoss geleitet wurde. Nach jedem Stromstoss sagte er: „Ich habe doch gar nichts getan.“

In einer anderen Ecke stand ein Aquarium, in dem ein Mann auf den Zehenspitzen stand. Seine Hände waren auf dem Rücken zusammen gebunden. Das Wasser stand ihm bis zum Kinn. Aus einer Wasserleitung, die oben am Aquarium vorbei führte, tropfte es auf seinen Kopf und mit jedem Tropfen füllte sich das Becken ein wenig mehr. Auf einem Schild, das an seinem mit Epauletten
geschmückten weissen Hemd hing, stand „Capitano“.  Bei jedem Tropfen murmelte er:  „Io fatto niente.“

In der Dunkelheit der Grotte konnte Konrad nur schemenhaft das eine oder andere Gesicht erkennen, welches er von früher kannte. Jeder stammelte vor sich hin: „Ich habe ja gar nichts getan.“ „Ich habe ja gar nichts getan“ tönte es auch ganz nah an Konrads rechtem Ohr. Es war Claudette, die auf Konrads Schulter sass und sich in eine Flugechse verwandelt hatte. Konrad indessen konnte sich in der Gestalt eines Schrottkriegers namens Koordi erkennen. „Ich habe doch gar nichts getan.“ Erst jetzt merkten Koordi und Claudette, dass sie in ihrem irdischen Leben vieles falsch gemacht hatten und was für Folgen, das hatte. „Ich möchte noch mal zurück und alles anders machen“, meinte Konrad zu Claudette. Sie erwiderte: „Das möchte ich auch. So schlecht sind wir doch nicht oder?“

Es gab kein Zeitgefühl in der Unterwelt. Keiner wusste, wie lange sein Leidensweg dauerte. Keiner wusste, wann er seine Sühne abgesessen hatte. Und dann? Koordi stand mit Claudette in der Mitte der Grotte und schaute auf die Stelle,  durch  die sie vor einiger Zeit heruntergekommen waren. „Ich möchte so gerne an Weihnachten für meine ganze Familie das Oratorium BWV 248 auf dem Klavier spielen.“ „Und ich würde Weihnachtsguetzli backen und eine Geschichte vorlesen“, fügte Claudette hinzu. „Wir würden auch…“ In diesem Moment trat ein Lichtstrahl aus der Decke, der direkt auf die beiden fiel. Ein Wirbel aus elektromagnetischer Energie, der sich aus dem scheinbaren Nichts aufgebaut hatte, nahm Besitz von ihren eisernen Körpern und riss sie aus der Tiefe hinauf. Mit Lichtgeschwindigkeit durchbrachen sie die Gesteinsschichten und Hohlräume der Deep Heat Mining, das Projekt der Geopower Basel AG, das einst kläglich scheiterte, doch jetzt wenigstens zu ihrem Gunsten war. Die aufgesprengten Hohlräume, die damals zu Erdbeben führten, eigneten sich bestens zum Durchfliegen. Das war die Erdkruste, dachte Koordi, als es auf seinem Helm so richtig krachte.

Der Nebel, welcher sie umgeben hatte, lichtete sich langsam. Koordi und Claudette befanden sich in einem Vorgarten eines Hauses im Schäferweg, unweit des ursprünglichen Bohrlochs vom Deep Heat Mining. Beim Austritt aus der Erde erstarrten ihre glühenden, eisernen Körper.

Koordi und Claudette sind auch heute noch an diesem Ort, als Mahnmal für eine Zeit, in der doch keiner was getan hatte.

In diesem Sinne: Fröhliche Weihnachten!







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